Mitten
in der Wirtschaftskrise die Agentur für Arbeit zu besuchen, scheint
keine Schande zu sein. Millionen von Menschen tun das derzeitig, sei
es, weil sie ihren Job schon verloren haben oder Angst haben, ihn
nach Auslaufen der Kurzarbeit zu verlieren.
Mich
führte der Weg in die Agentur, weil ich mir von meiner persönlichen
Beraterin detaillierte Informationen in Richtung Existenzgründung
und Hilfe zur Existenzgründung durch die Agentur für Arbeit und
andere öffentliche Einrichtungen erhofft hatte. Meinen Arbeitsplatz
möchte ich mir durch die Existenzgründung langfristig selbst
schaffen und dem Staat höchstens für die Anfangszeit, bis die Sache
ins Laufen gekommen ist, finanzielle Mittel abverlangen.
Doch
zu einer echten Beratung kam es gar nicht. Die Dame vom Amt war noch
ein Relikt aus alten Tagen. Anschreiben und Aushänge der
Arbeitsagentur wiesen sie zwar als Beraterin aus, aber sie erledigte
lediglich Tätigkeiten einer Sachbearbeiterin. Und das nicht einmal
gut. Sie war freundlich und unfähig.
Während
unserer Sitzung, die sich über 75 Minuten erstreckte, tat sie nichts
anderes, als meine Daten im Bestand der Arbeitsagentur zu
aktualisieren. Besonders lästig erscheint mir an dieser Prozedur,
dass ich diese Daten erstens bereits per Formular der Agentur
übermittelt hatte und zweitens die Art und Weise, wie sie die Daten
eintrug.
Man
macht sich gerne darüber lustig, wenn Menschen am PC mit dem
Zweifingersuchsystem etwas tippen. Aber meine "Beraterin"
war nicht einmal dazu in der Lage. Sie benutzte nur den rechten
Zeigefinger.
Zuerst
schrieb sie einen kompletten Satz oder Absatz ausnahmslos in
Kleinbuchstaben mit dem rechten Zeigefinger. Dann legte sie den
linken Zeigefinger auf der Shift-Taste ab. Mit der rechten Hand an
der Maus markierte sie dann einen Kleinbuchstaben, um ihn durch einen
Großbuchstaben zu ersetzen. Diese Prozedur wiederholte sich, bis der
gesamte Texte innerhalb der Eingabemaske durchkorrigiert war.
Doch
selbst nach dieser aufwendigen Prozedur enthielt der von ihr
geschriebene Text viele, viele Fehler. Das Schreiben von "dass"
mit Doppel ß gehört zu den schlimmeren. Ich kann mich nicht
entsinnen, dass "dass" jemals als "daßß"
geschrieben wurde, egal zu welcher Zeit und vor welcher
Rechtschreibreform.
Ich
frage mich, wie diese Dame es geschafft hat, in der Arge eingestellt
zu werden. Sie ist Mitte 50. Gegen einen frühen Einstieg spricht,
dass früher zu vielen Ausbildungsverhältnissen das Erlernen des
10-Finger-Tippens an der Schreibmaschine gehörte. Gegen einen
späteren Einstieg spricht alles andere.
Übertroffen
wurde ihr fehlendes Rechtschreibvermögen nur noch durch ihre
mangelnde Beratungskompetenz und ihr fehlerhaftes Fachwissen. Es
kostete mich ernsthaft einiges an Überzeugungskraft, dass sie nicht
"Bachelor" als Berufsbezeichnung in das dafür vorgesehene
Feld eintrug. Sie war einerseits verwundert, dass ich mit dem
Bachelor die Uni verlassen werde, weil sie der Meinung war, dass das
fortan nur mit dem Master möglich sei. Andererseits sollte ich mich
bei Unternehmen um einen Arbeitsplatz als Bachelor bewerben.
Meinen
Wunsch, mich selbstständig zu machen und keine Bewerbungen zu
schreiben, hatte sie schlichtweg ignoriert. Erst als ich
argumentierte, dass sich früher auch niemand um einen Arbeitsplatz
als Diplom bewarb, konnte sie überzeugen und brachte mich dazu, eben
eine Bewerbung um einen Arbeitsplatz als Diplom zu schreiben. Diesen
Text lesen Sie hier.
Interessant
war auch ihr "Rat", doch mit der Selbstständigkeit zu
warten, weil doch mein Abschlusszeugnis nicht schlecht sein wird.
Dazu bleibt nur zu sagen, dass die Zeugnisse meiner Kommilitoninnen
und Kommilitonen nicht schlechter sind und die Arbeitsplätze für
Geisteswissenschaftler nicht gerade auf Bäumen wachsen. Eigentlich
sollte es doch der Agentur und ihren Mitarbeitern eher am Herzen
liegen, wenigstens einen davon frohen Mutes und mit einem tragfähigen
Konzept auf dem Weg in die Selbstständigkeit zu begleiten, statt ihm
dies auszureden.
Man
merke: Das System reproduziert sich selbst, überall. Die unfähigsten
Personen erscheinen ihm als treueste Diener. Und es tut weh, heute
die Meldung
zu lesen, dass etwa 3,4 Millionen Euro an öffentlichen Mitteln
verschwendet werden, weil die Bundesagentur
für Arbeit für solch unqualifiziertes Personal auf einen Schlag
auch noch viel zu leistungsfähige Rechner ordert...
Selbst
mit einem dieser überdimensionierten Hochleistungscomputer wird
meine "Beraterin" ihre Arbeit weder besser noch schneller
erledigen.
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