Der
ganz normale Wechseljahr-Wahnsinn
Jammern
war gestern
„Ich
in den Wechseljahren“!!? Aufbrausend, cholerisch,
Stimmungschwankungen!!?
So
ein Blödsinn! Ich habe doch keine Stimmungsschwankungen. Bah, ich
und Stimmungsschwankungen - ich könnte schreien vor Wut.
Aufbrausend
und cholerisch sei ich geworden. Das kann doch alles gar nicht wahr
sein. Bin ich denn nur noch vor lauter Verrückten umgeben. Eine
verzerrte Realität wird mir hier entgegengeschleudert. Das stimmt
doch alles gar nicht.
Ich
kann nicht in den Wechseljahren sein! Unmöglich!!
Oder
etwa doch?
Nein,
es geht mir gut und überhaupt – Ihr geht mir alle auf den Senkel
mit euren Wechseljahrsgerüchten. Ich bin topfit und in bester
Kondition – von einigen Dingen mal abgesehen, welche ich hier nicht
genauer erläutern möchte.
Heimlich
chatte ich mich durchs Thema Wechseljahre – kaufe Bücher und
informiere mich. Was ich da alles lese, ich müsste zuerst einen
Doktortitel erlangen, um das alles wirklich zu verstehen. Wie das
wohl andere Frauen machen? Ich bin frustriert und muss zuerst mal ein
kleines Prosecco zu mir nehmen, damit meine Laune ein wenig besser
wird.
Hoffentlich
schadet der Prosecco nicht! Der Gedanke verschwindet genauso schnell
wie er gekommen ist. Soll ich mich denn wegen dem bisschen Schwitzen
aus der Ruhe bringen lassen? Nein, nicht mit mir! Genüsslich gönne
ich mir noch ein zweites Glässchen.
Am
nächsten Tag sitze ich im Auto – nach dem vierten Kaffee und der
sechsten Zigarette fange ich wie aus heiterem Himmel an zu schwitzen.
Sie sind da – die Wechseljahre – zu hoher Blutdruck wegen dem
vielen Kaffee (und Prosecco) und den Zigaretten. So ein Mist – bin
ich also doch schon in den Wechseljahren gefangen.
Für
mich steht es fest – mit 41 Jahren bin ich bereit für den Kampf
gegen die Wechseljahre.
Ach
ja, mein Name ist Clara und ich arbeite als Trainerin. Ich versuche
Managern, Führungskräften und Mitarbeitenden zu vermitteln, dass
Werte in unserer Gesellschaft wieder Einzug halten sollten. Nach dem
Motto – zurück zu unseren Wurzeln – zurück zu etwas mehr
Gelassenheit. Da bin ich ja gerade die Richtige!
Ziemlich
anstrengend und ziemlich aufregend dieser Job. Denn ich habe jeden
Tag mit anderen Menschen, Zielen, Ängsten und Freuden zu tun.
Ich
würde schon behaupten, dass ich diesen Job sehr gerne mache. Es gibt
zwar Tage an denen mir schon das Aufstehen schwer fällt – in
letzter Zeit kommt das leider öfter vor, als mir lieb ist.
Und
heute ist genau wieder so ein Tag. Ich habe schlecht geschlafen,
keinen Kaffee mehr zu Hause und das Brot ist grau.
Das
kann ja ein schöner Tag werden!
Ich
fahre weiter über die Landstrasse da rastet mein Herz fast schon
wieder aus. Diese Sonntagsfahrer auf den Strassen. Ich kann es nicht
fassen, können die denn nicht etwas später auf Tour gehen. Ich muss
heute noch zur Arbeit. Am liebsten würd ich den Kerl anhupen – der
geht mir tierisch auf den Senkel – aber keine Chance! Je mehr ich
mich aufrege desto langsamer wird dieser Typ. Einfach unverschämt!
Ich
gebe es ja zu, Schleicher haben mich schon früher tierisch
aufgeregt. Aber jetzt scheinen sie mich noch mehr aufzuregen. Meine
wild gestikulierenden Handbewegungen, meine ewig währenden
Schimpftiraden- mein Vordermann lässt sich nicht aus der Ruhe
bringen. Gut haben Männer keine Wechseljahre! Oder etwa doch?
Erschöpft
lasse ich mich auf den Bürostuhl fallen und muss zuerst eine Rauchen
gehen und mir einen starken Kaffee besorgen. Mein Herz rast und ich
kann es nicht lassen mich immer noch über den Schleicher im Auto
aufzuregen. Bin ich denn nur von Idioten und Ignoranten umgeben? Die
Welt ist am Abgrund, dass ist mir an diesem Morgen klar. Und ich bin
mitten in meinem ganz persönlichen Klimawandel angelangt.
Ich
höre auf jedes Anzeichen meines Körpers. Heute hatte ich wieder mal
die verhassten Schwitzanfälle. Es ist mir unheimlich, was da in
meinem Körper vorzugehen scheint. Und je mehr ich mich damit
beschäftige, desto mehr Beschwerden tauchen auf. Ich bin verwirrt
und wütend. Warum nur muss ich denn jetzt schon in den Wechseljahren
sein?
Ich
versuche mich abzulenken. Ich schiebe mir ein grosses Stück Kuchen
in den Mund und trinke eine starken Kaffee dazu. Aber Moment mal –
Kuchen, Kaffee, ist das denn wirklich Gesund bei meinem Zustand? Was
für ein Zustand denn? Ich bin ja nicht schwanger, sondern in den
Wechseljahren. Über diese Erkenntnis muss ich sofort eine Rauchen
gehen. Aber Stopp – Rauchen soll ja auch sehr ungesund sein.
Blutdruck zu hoch, Cholesterin-Werte waren auch schon mal besser, und
ja, abnehmen sollte ich ja auch.
Und
wenn der grosse Herzinfarkt kommt. Hab ich nicht neulich gelesen,
dass Frauen in meinem Alter weniger Trinken und weniger Rauchen
sollten. Und Kaffee ist sicher auch nicht förderlich.
Ich
bin frustriert und durcheinander. Wie soll ich diese verdammten
Wechseljahre nur überstehen?
Ich
treffe mich mit Lara einer Kollegin die ebenfalls als Trainerin
arbeitet. Lara ist ein paar Jahre älter als ich und sollte daher
auch schon in den Wechseljahren sein. Vielleicht hat Sie ja einen
Tipp für mich.
Wenn
ich gewusst hätte was mich erwarten würde, hätte ich
wahrscheinlich darauf verzichtet. Aber wer A sagt muss bekanntlich
auch B sagen. Ich auf jeden Fall, denn Nein sagen war noch nie meine
Stärke.
„Nein
ich bin doch noch zu jung für die Wechseljahre“! Sie ist übrigens
51! Bumm, das hatte gesessen. Hatte ich mich etwa in ein Wespennest
gesetzt? Wie komme ich da nur wieder raus? Ihre Augen funkelten als
wollte Sie mich durchbohren. Sie schaute mich so durchdringend an,
dass ich das Gefühl hatte ich werde gleich ohnmächtig.
„Aber
weisst Du zur Zeit beschäftige ich mich mit den wichtigen Fragen des
Lebens“.
Aha,
was waren wohl die wichtigen Fragen des Lebens?
Obwohl
verwirrt, war ich natürlich sehr neugierig was jetzt kommen würde.
„Ich schwitze in letzter Zeit so und ich habe sowieso das Gefühl,
dass die Welt im Ungleichgwicht ist“.
Aha!
Ich
war noch verwirrter. Was hatte Laras Schwitzen wohl mit dem
Ungleichgewicht der Welt zu tun?
„Die
Welt ist aus den Fugen geraten, die menschliche Rasse droht sich
selbst auszurotten und dann noch der grosse Druck der auf meinen
Schultern lastet“. Lara atmet tief durch und schaut mich mit Ihren
grossen braunen Augen an. Fehlt nur noch, dass Sie anfängt zu
weinen, denke ich.
Noch
bevor ich etwas sagen kann legt Lara los – und wie!
„Im
Winter mache ich Lichttherapie, im Sommer gehe ich zu meiner
Heilpraktikerin, im Frühling mache ich Joga und im Herbst nehme ich
meine Steine hervor“.
Hä!
Ich
verstehe nur Bahnhof, aber das ist wohl auch nicht wichtig.
„Und
was machst Du“? Durchdringend schaut mich Lara an. Ich fühlt mich
überrumpelt und mein Mund bleibt offen stehen. Ich muss jetzt
irgendetwas intelligentes sagen. Denke nach, denk doch nach...
„Ich
versuche weniger zu rauchen, weniger Kaffee zu trinken und mich mehr
zu bewegen“.
Mann
bin ich stolz auf meine Aussage.
„Du
musst nur ans Universum glauben, dann kommt alles gut“.
Hä,
das Universum –
War
Sie nun betrunken, oder hat Sie sonst was eingeworfen.
„Ich
muss jetzt zurück, sonst habe ich keine Zeit mehr mich auf den
Nachmittags Kurs vorzubereiten. Schnell mach ich mich aus dem Staub.
Ich
krieg bald die Krise.
Ich
bestelle einen Espresso und inhaliere den Zigarettenrauch tief in
meine Lunge hinab. Tja die Welt war ziemlich verrückt.
Ich
denke nochmals über das Gespräch mit Lara nach. Wie hat Sie das
wohl gemeint – ich solle mich ans Universum wenden?
Sollte
ich mich wirklich ans Universum wenden?
Schwachsinn!
Als
mein Handy klingelte war Lara dran. Ich befürchtete schon, dass ich
mich fürs Universum bereit halten sollte. Aber oho – ich liess
mich fürs Yoga bequatschen. Das hatte ich mir ganz selbst
eingebrockt. Es wird Dir helfen Dich fallenzulassen und Dich nur auf
Dich zu besinnen. Du wirst sehen, es wird Dir helfen Dich zu
entkrampfen“.
War
ich denn verkrampft, musste ich mich fallenlassen? Keine Ahnung, aber
nun hatte ich schon zugesagt und ich machte mich am nächsten Tag auf
ins Yoga.
Der
Geruch von Räucherstäbchen blies mir in die Nase und ich hörte
ganz leise Musik die ich vorher noch nie gehört hatte. Es klang
nicht nach richtiger Musik, sondern war eher ein sanftes
Glockengeläut.
Der
Trainingsraum war klein und das Licht war stark zurückgedreht. Fast
wäre ich über die Türschwelle gestolpert, konnte mich im letzten
Moment noch retten. Oh wie peinlich wäre das gewesen.
Es
waren ungefähr ein Dutzend Frauen in dem Raum inklusive der Yoga
Lehrerin. Frau Koller war eine zierliche und sympatische Frau von
etwa 50 Jahren. Sie hatte dunkle Haare und soweit ich erkennen konnte
auch dunkle Augen.
Ihre
Stimme war angenehm sanft und ruhig.
Wie
die anderen Frauen auch legte ich mich auf eine am Boden liegende
Matte.
Ich
schaute mich um und versuchte mich zu konzentrieren. Die anderen
Frauen wiegten Ihre Körper hin und her und stiessen dabei nicht
hörbare Geräusche aus. Das war wohl die Aufwärmphase dachte ich.
„Du
musst alle Probleme loslassen“, sagte Lara zu mir. „Du kannst
auch weinen oder schreien“.
Probleme,
weinen, schreien! Hatte ich denn Probleme? Wollte ich weinen oder
schreien?
Ich
musste wohl sehr grosse Probleme haben!
Durch
Yoga soll meine potentielle Energie auferweckt werden. Sie soll zum
Fliesen gebracht werden, weil der Körper überall, an jedem Punkt
mit der Energiequelle verbunden ist. Die Haltung die Buddha benutzte,
heisst padmasan, die Lotus-Haltung. Buddhas Haltung ist eine runde
Position. Frau Koller bietet unter anderem auch Spiritual Coaching
und Retreats an. Was das auch immer zu bedeuten hat.
Frau
Koller gibt uns Anweisungen und schaut dabei ganz eindringlich in die
Runde.
„Meine
Lieben, mit den Yoga-Stellungen (Asanas) und der Atmung (Pranayama)
versuchen wir nun einen widerstandsfähigen Körper zu erlangen.
Dieser wird dann ein Instrument um das geistige Wachstum und
Meditation (Divana) zu entwickeln.“
Aha?!
Es
scheint als ob alle enttrückt seien, ausser mir, denn ich habe keine
Ahnung was hier vor sich geht. Vielleicht bin ich ja in einer Sekte
gelandet!
Wenn
ich wieder zu Hause bin muss ich mich unbedingt im Internet schlau
machen, was das alles bedeutet.
Ich
versuche mich nun mit den Yoga-Stellungen, was gar nicht so einfach
ist. „Lass Dich fallen, losgelöst von Deinen Problemen und
Ängsten“, sagt Frau Koller zu mir.
Der
Duft der Raucherstäbchen und das Glockengeläut in meinen Ohren
verhindert meine Konzentrationsfähigkeit. Ich muss unbedingt Gähnen,
aber getraue mich nicht. Also verklemme ich es mir.
Mir
tut der Rücken weh von diesen eigenartigen Stellngen. Das kann doch
kein Mensch aushalten, denke ich.
Ein-
und Ausatmen, Ein- und ausatmen, und nochmals von vorne. Mir wird
schwindlig und übel. Ich schaue kurz zu den anderen auf. Alle
scheinen hochkonzentriert zu sein.
Vielleicht
bin ich ja einfach zu blöd für Yoga.
Als
dann alle in ein kollektives Schweigen oder Schlafen, oder vielleicht
Meditation verfallen, bin ich vollends am Ende meiner Kräfte. Am
liebsten würde ich aufstehen und davonrennen. Aber das kann ich
nicht. Also versuche ich es weiter. Ich will mich konzentrieren, ich
will mich auf das Atmen konzentrieren – es gelingt mir einfach
nicht.
Wenn
mich jetzt meine Kursteilnehmer sehen könnten.
Lara
ist ziemlich enttäuscht von mir. „Du kannst Dich einfach nicht
fallenlassen. Irgendetwas stimmt doch nicht mit Dir. Du musst gegen
Deine Probleme etwas tun“!
Welche
Probleme denn, denke ich. Auch ich bin enttäuscht und frustriert.
Denn eigentlich bin ich ja nur auf der Suche nach den Wechseljahren.
Aber wo sind Sie denn?
In
der Yoga-Schule auf jeden Fall nicht.
„Die
Welt ist im Chaos“, fängt Lara an. „Du musst Deinen Platz im
Leben noch finden. Aber ich denke Du bist noch nicht so weit“.
Was
soll das denn wieder heissen?!
„Der
Weg geht nur über die Liebe und Dein Herz. Du musst ans Karma
glauben“.
Karma?
„Also,
Karma ist spirituell“.
Aha!
„Es
bezeichnet ein spirituelles Konzept, nach dem jede Handlung,
körperlich wie auch geistig, unweigerlich eine Folge hat. Dies muss
nicht unbedingt in Deinem Leben hier auf der Erde wirksam werden,
sondern kann sich auch erst in einem Deiner nächsten Leben
manifestieren“.
Ich
verstehe. Wieviele Leben habe ich denn?
„Du
musst spiritueller werden, dann wirst Du das Universum entdecken und
verstehen“.
Ich
verstehe nur Spirituell.
Spirituell,
Karma, Universum. Es wird mir schwindlig und mir ist schlecht.
Schwitzen tue ich sowieso und mein Herz rast. Vielleicht hat Lara ja
recht, mein Karma ist nicht wirklich ausgeprägt – also muss ich
meine spirituelle Ader suchen, damit ich das Universum verstehe!
Aber
wo soll meine Suche nach dem Karma beginnen? Vielleicht kennt meine
Freundin Claudia die Antwort.
Claudia
ist so alt wie ich und sieht noch verdammt gut aus. Wie die das wohl
macht. Die hat noch kein graues Haar, keine Falten und nichts.
Vielleicht verrät Sie mir Ihr Geheimnis.
„Karma,
Karma“, stönt Claudia. „Du musst gesund leben meine Liebe“.
Gesund
leben – Aha.
„Und
wie geht das“, frage ich Claudia. „Ganz einfach meine Liebe“.
Wie ich dieses Wort doch hasse!!
„Du
verwöhnst Dich mit dem Anti-Aging Programm von Lilli B. Das ist
wirklich ganz toll. Sie hat Masken, Öle, und Cremés. Das musst Du
einfach ausprobieren. Du fühlst Dich anschliessend wie neugeboren.
Und gegen den Winterblues habe ich Dir auch noch einen Tipp. Geh doch
einfach ins Solarium“.
„Aber
zu viel Solarium birgt doch die Gefahr von Hautkrebs“.
„Papperlapapp“, sagt Claudia. „Da wird doch übertrieben“.
„Und
die Ernährung ist ebenfalls sehr wichtig. Keine Kohlenhydrate mehr“.
Wasssss!
Keine Kohlenhydrate. Das bedeutet ja, kein Brot, keine Pasta, keine
Kartoffeln, keine Pommes.
Keine
Pommes!
Nein,
das kommt überhaupt in Frage. Ich soll auf all das verzichten, was
ich im Laufe meines Lebens lieb gewonnen habe.
„Bist
Du sicher, das es wirkt“? Frage ich vorsichtig.
Sie
schüttelt Ihre Löwenmähne – fehlt nur noch das Sie anfängt zu
fauchen. „Schau mich doch an. Ich bin das blühende Leben. Aber Du
musst es ja selber wissen was für Dich gut ist“.
Wenn
ich das nur wüsste!!
Zum
Schluss gibt Sie mir noch den Tipp, dass ich mal Twittern soll, oder
wie wärs mit Facebook. „Du kannst mich jederzeit auf den Handy
anrufen“. Sie winkt mir noch zu und stolziert mit Ihren
Stöckelschuhen und Ihrem (zu) kurzen Rock davon.
Twitter,Facebook!
Eine grauenvolle Vorstellung. Ich hasse diese Form der Kommunikation.
Natürlich bin ich mir bewusst, dass ich mit dieser Einstellung zu
den Dinos gehöre, aber das ist mir egal. Es grenzt ja schon an ein
Wunder, dass ich ein Handy besitze.
Irgendwann
werden wir wahrscheinlich gar nicht mehr miteinander reden, sondern
uns nur noch zutwittern.
Aber
ich weiss immer noch nicht wo die Wechseljahre sind! Ich mache mich
also weiter auf die Suche.
Renate
und ich sind zum Mittagessen verabredet. Ausgerechnet heute! Es geht
mir ziemlich mies. Ich habe schlecht geschlafen, mein Job nervt mich
und überhaupt alle sind so was von oberflächlich…
Lara
zündet wie eine Rakete! „Ich habe da was von einer Heilerin
gelesen. Du wirst es nicht glauben. Aber die Frau ist der Hammer.“
Ihre Gesichtsfarbe beginnt sich plötzlich zu ändern. Sie kommt so
in Fahrt, dass ich Angst habe, dass Sie einen Herzinfarkt bekommt.
„Die
Frau ist wirklich eine Wucht“.
Und
was ist mit dem Karma? – Denke ich.
Carla,
alle Antworten liegen in Dir selbst“.
Was
für eine Erkenntnis!!
„Sie
sagt, dass ich alles selber in der Hand habe. Mein Denken, mein
Fühlen, einfach alles in meinem Leben.
Wieviel
hat Sie der wohl bezahlt. Innerlich muss ich kichern – lasse mir
aber nichts anmerken.
„Ich
muss nur das nötige Selbstbewusstsein an den Tag legen, (und
natürlich Ihre Kurse besuchen) und dann wird es mir besser gehen.
Weißt Du, auch Fred (Ihr Mann) besucht jetzt Ihre Kurse. Es ist
einfach überwältigend“.
Ja
das kann ich mir gut vorstellen – und Renates Kreditkarte wird an
den Rand des Wahnsinns getrieben.
Sie
überredet mich, dass nächste Wochenende zu dieser Heilerin
mitzugehen. Warum lass ich mich immer bequatschen!
Das
Haus ist üppig ausgestatet – und irgendwie unheimlich. Aber ich
lasse mir nichts anmerken. Wir kommen in ein grosses Zimmer –
wahrscheinlich das Wohnzimmer oder etwas ähnliches. Es ist ziemlich
dunkel und mit schweren, alten Möbeln eingerichtet. Sonnenlicht war
schon ziemlich lange nicht mehr in diesem Raum.
Plötzlich
zieht dieser Duft durch meine Nase. Diesen Duft kenne ich doch!
Raucherstäbchen!
Am
liebsten wäre ich rückwärts wieder rausgelaufen.
Ich
hoffe, dass Essen schmeckt besser.
„Alles
gesunde Lebensmittel, keine Angst“. Die Frau die sich mir als
Madama Leila vorstellt, ist mindestens schon 150 Jahre alt! Richtig
gruselig wird es mir. Diese durchdringenden, stechenden Augen. Meine
Haare stehen zu Berge und ich habe das Gefühl ich sei in einem
Horrorfilm.
Aber
da muss ich nun jetzt durch.
Ich
nicke und lächle gequält. Ein Hamburger mit Pommes wäre mir lieber
gewesen, denn ich habe keine Ahnung was ich hier auf dem Teller habe.
Die Hausherrin versucht mir zu erklären, was ich esse, aber ich
verstehe immer noch nicht ganz. Macro, Micro, Bio, Vegetarisch?! Ich
schlucke das Essen hinunter und spüle mit frischem Quellewasser
nach.
„Wir
werden jetzt noch gemeinsam meditieren“, schlägt die Frau des
Hauses vor.
Dieses
komische Glockengläut dringt in meine Ohren, mein Magen knurrt und
ich möchte am liebsten einfach losschreien.
Lara
erzählt mir von all den Wundern die diese Heilerin bei Ihr und Ihrem
Mann vollbracht hat und schwärmt in den höchsten Tönen. „Komm
doch das nächste Mal auch ins Seminar. Wir würden uns sehr darüber
freuen. Es würde Dir gut tun“!
Ich
lächle gequält und will nur noch eines. Weg hier und zum nächsten
McDonald. Lieber umgebe ich mich mit einer Horde wilder Teenager, als
das ich noch eine Minute in diesem Haus bleibe.
Also
nichts wie raus hier.
Bin
ich denn undankbar? Schätze ich die Anteilnahme meiner Freunde
nicht? Habe ich Probleme? Finde ich endlich meinen Weg?
ch
habe nur noch mehr Fragen. Soll ich es tatsächlich mit dieser
Heilerin versuchen?
Mein
Kopf brummt und scheint zu zerplatzen. Schwindel, Herzrasen. Ich
trinke den vierten Kaffee und rauche wieder viel zu viel.
Ich
liege auf dem Sofa und zappe mich durch die Fernsehprogramme.
Entweder aufgewärmte Spielfilme – oder Soaps die ich abartig
langweilig finde. Aber da, eine Diskussions Sendung über
Depressionen.
Könnten
meine Stimmungsschwankungen, meine Hitzewallungen, mein Herzrasen und
mein Schwindel Anzeichen für eine Depression sein. Ich „Google“
mich durchs Internet um bald einmal festzustellen, dass ich nicht an
einer Depression leide.
Schade
– also keine Depression. Ich bin wohl doch in den Wechseljahren.
Ich
muss das Karma suchen – ich muss das Karma suchen damit ich das
Universum verstehe. Oder etwas in dieser Richtung.
Was
für ein Quatsch! Wie soll mir das Universum überhaupt helfen. Wer
und was ist das Universum überhaupt?
Alle
sagen zu mir ich müsse spiritueller werden. Aber wie werde ich denn
spirituell. Hellsehen, Kartenlegen?!
Soviel
ich von Lara weiss steht Spiritualität für die Vorstellung einer
geistigen Verbindung zum Transzendenten, (bedeutet: Überschreiten
von Grenzen des Verhaltens, Erlebens und Bewusstseins, sowie das
Sichbefinden jenseits dieser Grenzen) dem Jenseits oder der
Unendlichkeit.
Aha.
Und
wie soll ich das jetzt anstellen? Gibt es irgendeine
Gebrauchsanweisung, oder eine Mustervorlage? Ich glaube kaum. Im
Internet werde ich leider auch nicht sehr viel schlauer, sondern nur
noch verwirrter. Bei so vielen neuen Begriffen müsste ich zuerst
einmal meinen Duden zur Hand nehmen, um die Bedeutung aller Wörter
herauszufinden.
Bis
ich das alles hätte, wären meine Wechseljahre schon längstens
vorbei.
Also
lasse ich das lieber.
Apropos
Internet. Ich google mich nochmals durchs Thema Wechseljahre. Hier
sind meine Resultate:
Wechseljahre
der Frau 175,000 Einträge
Klimakterium
210,000 Einträge
Menopause
10,500,000 Einträge
Millionen
kämpfen jenseits der vierzig mit Wechseljahrsbeschwerden. Häufig
ist es ein Progesteronmangel, der zu dem gefürchteten
Ungleichgewicht im Hormonhaushalt führt. Östrogen ist im Vergleich
zum Progesteron zu reichlich vorhanden, daher wird dieser Zustand
auch Östrogendominanz genannt. Die meisten typischen
Frauenbeschwerden lassen sich auf Östrogendominanz zurückführen.“
Aha.
Bin
ich jetzt wirklich schlauer? Nicht wirklich. Ich müsste meinen Duden
wieder zur Rate ziehen, was das alles bedeutet. Aber ich lasse es.
Ich beschäftige mich viel lieber mit den Symptomen der Wechseljahre:
Verminderung
des Selbstwertgefühls
Körperliche
und geistige Erschöpfung
Gelenk-
und Muskelbeschwerden
Sexualprobleme
Gewichtszunahme
Harnwegsbeschwerden
Trockene
Schleimhäute
Trockene
Hauseigenen
Haarausfall
Unregelmässiger
Monatszyklus
Perioden
mit starken Blutungen, längere Periode
Gefahr,
dass sich Myome bilden
Gefahr
für Herzinkfarkt steigt
Erschöpfungszustände,
Müdigkeit, Unausgeglichenheit
Beklemmungen,
Angstgefühle;
Besorgt sein wegen Kleinigkeiten, Grübeleien;
Gedankenkreisen, ohne zum Ergebnis zu kommen
Nachlassende
Konzentrationsfähigkeit, Neigung zu Vergesslichkeit und
Zerstreutheit
verminderte
sexuelle Lust,
Verlust der Libido
Körperformen
verändern sich:
Schwindel,
Reizbarkeit,
Po wird flacher, Bauch runder, das Bindegewebe
schlaffer.
Brust
verändert ihre Form:
sie wird größer und weicher, sie
verliert an Elastizität und bekommt die typische Birnenform.
Mastopathie:
gutartige Gewebeveränderungen, Zysten
Die
Haut altert sichtbar,
verliert an Elastizität, wird faltiger;
Fältchen und Falten oberhalb der Oberlippe bilden sich
(Kollagenfasern werden abgebaut)
Haarausfall,
die Haare werden dünner
Schamhaarausfall
der
„männliche Haarwuchs“ nimmt zu (im Gesicht, am Kinn, Brust)
die
Fingernägel werden weicher und brüchiger
Inkontinenz
/ Blasenschwäche: ungewollter Harnabgang (insbesondere beim Niesen,
Husten, Lachen, bei körperlicher Anstrengung wie Heben)
Kopfschmerzen,
Mirgräneanfälligkeit verändert sich, kann zu- oder abnehmen
Nahrungsunverträglichkeit
treten vermehrt auf (z.B. Milch, Zucker, Hefe), Allergien
Verdauungsstörungen,
schmerzhafte Blähungen, Völlegefühl
Scheidenpilze
Gewichtszunahmen
Oesteoporose,
Knochendichte nimmt ab (geschieht nach und nach)
Hitzewallungen
Schwindel
Bluthochdruck
Depressionen
Schwitzen
Zyklusschwankungen
Herzrasen
Schlafstörungen
Stimmungsschwankungen
Gelenk-
und Muskelbeschwerden
Scheisse!
Wenn all diese Symptome zutreffen, dann werde ich die Wechseljahre
die nächsten 20 Jahre nicht mehr los!! Aber halt!
Die
Wechseljahre bestehen ja nicht erst seit dem Millenium? Oder etwa
doch? Meine Güte – was kommt den da noch alles auf mich zu.
Ich
begebe mich wohl lieber freiwillig in eine Klinik. Das ist der
absolute Wahnsinn! Und für jedes dieser Symptome gibt es
wahrscheinlich auch noch ein Medikament das ich nehmen könnte. Damit
habe ich vielleicht keine Wechseljahrsbeschwerden mehr – aber dafür
ein anderes Problem.
Mist,
was kann ich nur dagegen tun:
Aufgepasst
hier ist eine Auflistung möglicher Gegenmassnahmen:
-
Hormonersatztherapie durch Östrogenzugaben – Achtung
Nebenwirkungen...
-
Pflanzliche Alternativen
-
Progesteron oder Phytohormone – z.B. Mönchspfeffer auch
Keuschlamm, Agnus Castus
-
Traubensilberkerze
-
Hormonyoga
-
Gesunde Lebensweise
-
Rauchen aufgeben
-
Kaffee trinken reduzieren
-
Regelmässig bewegen
-
gehärtete Fette meiden
-
Gingko Biloba Präparate
-
Homölpathische Medikamente wie z.B. Vertigo-Heel
-
Entspannungstechniken
-
Medikamente, die auf den Hormonspiegel einwirken und den androgenen
Anteil senken (anti-androgene Wirkung)
-
Hormonsubstitution
-
Autogenes Training
-
Akupressur-Übungen
-
Johanniskraut-Präparate
-
Östrogenhaltige Zäpfchen oder Cremes
-
Hormontest machen - ob Testosteron fehlt (oder Östrogen / oder
Progesteron)
-
Die leichteren Phyto-Hormone (Wild Yam, Sojapräparate, Süßholz)
-
Fitnesstraining
-
Viamin D und H
-
Ausgewogene Ernährung (z.B. Hirse)
-
Nahrungsergänzungsmittel
-
Bewegung
-
Haltungstraining
-
Beckenbodentraining
-
Extrakte von Heilkürbis
-
Moorbäder oder Moorpackungen
-
Raffinierten Zucker meiden
-
Calciumreiche Ernährung oder Calciumpräparate
-
Sojaprodukte
-
Ausdauersport stärkt die Durchblutung der Knochenhaut und erhöht
die Knochendichte (insbesondere Schwimmerinnen weisen eine höhere
Knochendichte auf)
-
Akupunktur
-
Kräutertherapie & Tuina
Mein
Gehirn scheint zu zerplatzen! Mir ist richtig schlecht und ich glaube
ich muss mich gleich übergeben. All diese Beschwerden, all diese
Symptome und all diese Massnahmen!
Ich
glaube ich muss zuerst ein Hochschulstudium gegen
Wechseljahrsbeschwerden besuchen um all das zu verstehen. Aber halt –
geht ja gar nicht. Bin schon zu alt für das. Die
Konzentrationsfähigkeit hat nämlich auch schon ziemlich
nachgelassen.
Dabei
sollte Frau ja meinen, dass ich im besten Alter bin. Von wegen!
Überall steht zu lesen, dass ich Alters hemmende Massnahmen
ergreifen muss. (Altershemmung = Anti-Aging)
Wellness,
Spa, Ernährung, Pilates, Entspannung, Body Form, Filler, Threadlift,
Mesotherapie, Peelings.
Vitamin
E hilft gegen Hautalterung, Vitamin C fördert die Kollagenproduktion
und Vitamin A regt die Zellerneuerung an. Nikotin und Alkohol sind
hingegen Feinde jugendlicher Haut.
Oh,
wie die Welt und ich auf diese Begriffe gewartet haben!!
Falten
glätten, Botox. Brauche ich das wirklich um glücklich zu sein?
Anscheinend
schon. Eine ganze Industrie verdient ja gutes Geld damit. Mit den
Falten und Cellulite Problemen unserer Gesellschaft.
Anti
Aging Complex, Anti Aging Day, Anti Aging Night, Anti Aging Eye
Cream, Anti Aging Stress, Anti Aging Emulsion, Anti Aging Foundation,
und, und, und, und...
Der
Wunsch nach ewiger Jugend ist sehr gross und wir wollen das
Älterwerden so lange wie möglich hinausziehen. Doch ich glaube
nicht, dass dies wirklich der Sinn unseres Daseins ist. Oder etwa
doch?
Vergesst
nicht, der Wert der Jugend ist viel wert – vor allem für
diejenigen die Milliardenumsätze damit generieren.
Eine
ganze Industrie ist damit beschäftigt den Schönheits- und
Jugendwahn zu verallgegenwärtigen. Schlaffe Haut und Falten sind
out. Cellulite geht ja schon gar nicht. Für viele ist Anti Aging ein
Wundermittel der heutigen Zeit, der den Alterungsprozess scheinbar
aufhalten lässt.
Dabei
ist es ein Selbstbetrug. Der Alterungsprozess wird nicht aufgehalten.
Wir machen uns etwas vor um so zu sein, wie die Gesellschaft uns
sehen will. Anti Aging ist ein Schlagwort und ein Schlag ins Gesicht!
Es gibt keine Forever Young Garantie. Vergesset das nicht.
Viele
springen auf diesen Zug auf. Sie versprechen Dir Wunderdinge die
niemals eintreffen. Vitamine und Mineralien mit Verjüngungseffekt.
So ein Quatsch!
Wenn
sogar Knäckebrot als Verjüngskur angeboten wird – Schönheit
kommt von Innen – dann bin ich definitiv im falschen Film gelandet.
Um
über diese Frage zu diskutieren inwieweit diese Fragen unsere
Gesellschaft beeinflusst und aus welchem Grund, müsste ich
wahrscheinlich ein zweites Buch schreiben. Aber vielleicht denkst Du
mal in aller Stille über dieses Thema nach – aber bitte ernsthaft!
Ich
kann hier nur über meine ganz persönlichen Erfahrungen und
Beobachtungen sprechen. Das will ich auch gerne tun – aber in
Kürze, denn sonst wird dieses Buch vieeeel zu lang.
Seien
wir doch ehrlich – früher war alles anders. Ob es besser war will
und kann ich nicht beantworten. Aber anders eben. Wir hatten nicht
die Möglichkeiten wie früher. Oder hattest Du als Kind Internet,
oder ein Handy? Konntest Du ein Mail schreiben, chatten, twittern
oder hattest Du Facebook Siehst Du? Alles war anders.
Heute
haben die Menschen viel mehr die Möglicheit sich zu informieren,
sich auszutauschen. Egal wo Du auf der Welt lebst, Du bist immer nur
einen Klick von der anderen Seite der Welt entfernt. Ist doch toll!
So
habe ich die Möglichkeit noch viel mehr über meine
Wechseljahrschwingungen zu erfahren. Aber will ich das wirklich? Je
mehr ich weiss, desto mehr Leiden könnten sich entwickeln.
Klar
ist das toll, aber ich habe keine Lust mich von überall her
manipulieren und einlullen zu lassen.
Das
muss ich jetzt aber wirklich noch loswerden.
Ich
werde überall und jeden Tag davon berieselt. Ob es mir nun gefällt
oder nicht. Im Zug, im Auto, sogar in meinem Stammcafé muss ich mir
Gespräche über Handy anhören, die so hohl sind, dass mir die Sinne
schwinden.
Ein
hartes Urteil denkst Du? Vielleicht, aber beobachte mal Deine
Umgebung und Dein Umfeld ein wenig genauer. Dir wird sicher etwas
auffallen. Genau, Du hast es entdeckt. Wer kein Handy hat ist in der
heutigen Welt völlig aufgeschmissen, oder gehört zum alten Eisen.
Du
musst doch die neusten Entwicklungen mitmachen, Du musst doch ein
Handy haben, Du musst doch einen Computer haben, Du musst doch
twittern, Du musst Dich doch mit Facebook auseinandersetzen. Das
jeder auf diesem Planeten eine E-Mail hat ist selbstverständlich.
Aber
muss ich denn wirklich? Kann es nicht auch so sein, dass ich mir
meine ganz persönliche Meinung über diese Dinge bilde und mich dann
dagegen entscheide?
Was
habe ich denn zu verlieren? Nichts, sage ich Dir. Du verlierst
überhaupt nichts. Du kannst nur gewinnen, denn Du bildest Dir Deine
eigene Meinung dazu. Das heisst natürlich nicht, dass all die
anderen sich keine eigene Meinung bilden.
Wir
sind vielleicht auch zu verwöhnt. Wir leben hier fast wie auf einer
Insel. Doch dieser Inselfrieden wird immer mehr zerstört. Doch wir
selber sind doch dafür verantwortlich. Wir können nicht immer nur
die anderen, allen voran die Politiker dafür verantwortlich machen.
Neutralität
heisst nicht, dass ich das sage was die anderen gerne hören wollen.
So werden wir unser Ziel ganz bestimmt nicht erreichen. Also, hören
wir auf zu Jammern – fangen wir an unser Leben selbst in die Hand
zu nehmen.
Willst
Du alles mitmachen, nur weil es chic ist, oder es sich einfach so
gehört. Wenn es chic ist dünn zu sein, dann wollen alle plötzlich
nur noch Nummer Null haben. Wenn es wieder mal chic wird Rubens
ähnliche Figuren zu haben, werden alle diesem Ideal nacheifern.
Da
war ich doch erst vor einigen Tagen in einem Kleiderladen. Ich wollte
mir eine Bluse kaufen. Ihr werdet es nicht glauben. Ich dachte
zuerst, ich wäre in der Kinderabteilung. So kleine Blusen kann doch
keine Frau tragen, dachte ich. Als ich die Verkäuferin darauf
ansprach zuckte diese nur die Schultern und sagte: „Ich weiss, aber
es gibt nur zwei Möglichkeiten. Entweder Sie nehmen ab, oder Sie
gehen zu Ulla Popken!“
Was
für eine Unverschämtheit, dachte ich. Ich bin sicher nicht die
dünnste, aber zu Ulla Popken. Nein. Wütend verliess ich den Laden
und musste mir ein Eis gönnen. Aber so ist die Welt nun mal. Sie
kennt keine Gnade.
Doch
gottseidank bin ich ziemlich selbstbewusst und komme mit solchen
Niederlagen gut zurecht. Auch wenn es mich natürlich schon gewurmt
hat – zugegeben.
Also,
ich möchte Dir nur sagen, lass Dich nicht abbringen, auch wenn alle
etwas anderes sagen. Wir müssen wieder mehr Selbstwusstsein und
Selbstsicherheit gewinnen. Lassen wir uns nicht immer alles
präsentieren, sondern bilden unser eigenes Urteil.
Auch
in politischen Entscheidungen in unserem Land. Leute, lasst doch euer
eigenes Gehirn schalten und walten. Lasst euch nicht irgendetwas
erzählen. Überlegt zuerst gründlich, bevor Ihr Eure Meinung
bildet. Sprecht mit den Leuten.
Twittern
war gestern, heute ist reden angesagt.
Lass
Dir nicht einreden, Du bist zu dünn, oder zu dick, überlass es
Deinem eigenen Urteil. Und wenn Du Dich wohlfühlst – wo ist das
Problem. Schau auf Dich selbst und nicht auf die anderen. Lass Dir ja
nichts anderes einreden. Sei tolerent – vor allem zu Dir selbst.
So,
jetzt habe ich Euch meine persönliche Sicht der Dinge dargestellt,
und ich habe die Wechseljahre noch immer nicht gefunden.
Da
fällt mir eine andere Geschichte ein. Ich war vor einiger Zeit beim
Arzt – wegen den Wechseljahren. Er hat mir so ein Medikament
gegeben und Ihr glaubt es nicht. Es hat sofort eingeschlagen und
geholfen. Ich war befreit von meinen Beschwerden…
Es
könnte alles so schön sein – aber ich habe schreckliche
Nebenwirkungen bekommen. Schweissausbrüche, Panikattacken,
schreckliche Atemnot. Ich dachte ich würde sterben. Und lacht nicht,
ich hatte beim Einkaufen plötzlich eine Scheissangst bekommen –
und zwar vor Tomaten.
Es
ist kein Witz und ich stehe auch nicht unter Drogen. Die roten,
schönen Tomaten machten mir plötzlich eine Scheissangst. Ich dachte
jetzt schnappe ich über. Ich bekam Herzrasen und Schweisausbrüche,
ich dachte ich müsse sofort wegrennen.
Dabei,
es ist ja so schwachsinnig, wer hat schon Angst vor Tomaten? Ich
schleppte mich zur Kasse, bezahlte und verstaute meine Einkäufe im
Auto. Voll geschockt fuhr ich Nachhause.
Erzählen
konnte ich das natürlich niemandem. Die hätten mich wahrscheinlich
sofort weggesperrt. Was sollte das denn auf einmal.
Die
nächste Überraschung kam in meinem Lieblingscaffé. Ich hatte
urplötzlich eine Panikattacke. Die Leute wurden mir einfach zu viel.
Ich fühlte mich beobachtet und eingeengt, dabei waren vielleicht
fünf Leute im Café. Ich musste sofort raus und frische Luft
schnappen.
Das
nächste Intermezzo liess nicht lange auf sich warten. Im Buchladen
verkroch ich mich in die Damen Toilette, ansonsten hätte ich laut
herausgeschrien. Ich lief hinaus, zu meinem Auto und fuhr wie eine
Verrückte nach Hause.
Ich
sperrte mich in mein Schlafzimmer ein und dachte, jetzt ist es
soweit: Ich werde verrückt. Brauchte ich etwa einen Psychiater?
Nein,
ausgeschlossen, es muss ohne Psychiater gehen.
Ich
nahm das verschriebene Medikament hervor und las bezüglich
Nebenwirkungen. Panikattacken, Angstzustände, Schwindel können
häufig auftreten!
Aha
– wusste ich es doch.
Ich
tat das einzig Richtige. Ich brachte die Medikamente zurück zu
meinem Arzt und verabschiedete mich ohne Worte.
Ich
atmete tief durch, und sah den Vögeln am Himmel zu. Ihr habt es gut,
dachte ich. Die haben bestimmt keine Wechseljahrsbeschwerden.
Und
dann die Sache mit den Männern! Ja, Männer haben ja auch so Ihre
Wechseljahre, aber unsere Hormonumstellung begreifen die nie! Zickig
sei ich, noch mehr als sonst, kommt dann die Antwort. Cholerisch und
unsensibel! Ich und zickig, und unsensibel! Was für ein
Hammerschlag.
Ich
schäume vor Wut. Bald bin ich an der Decke. Dieser Mistkerl, denke
ich. Wer hier wohl unsensibel ist, ist ja wohl er. Kein Gespür für
weibliche Belange. Die ganze Zeit bequatscht er mich mit seinem Job.
Jammert über seinen Chef und die Kollegen, dass er bei der
Beförderung schon wieder übergangen wurde, dass die anderen ja eh
nichts taugen. Alles faule Säcke, ausser dem Göttergatten
natürlich.
Ich
platze gleich. Hört der eigentlich nie zu? Hat er überhaupt je
zugehört? Männer wollen bewundert, gehegt und gepflegt werden. Aber
wer hört mir denn zu. Er will Verständnis für seinen Job, als ob
ich keinen hätte. Und wenn er wüsste, wie das bei mir so läuft.
Doch schon nach drei Sekunden des Erzählens fängt er an zu gähnen
und findet es ganz unmöglich, dass ich schon wieder mit den alten
Geschichten anfange. „Dann tu doch endlich etwas dagegen, anstatt
immer nur zu jammern“!
Das
schlägt dem Fass den Boden aus. Ich mache mich mit grossem Getösse
aus dem Staub. Soll er doch sehen, wer Ihm heute Abend das Essen
macht. Ich auf jeden Fall nicht. Männer sind anders – und Frauen
auch.
Warum
verstehen uns die Männer denn einfach nicht. Vielleicht sind Sie zu
einfach gestrickt. Vielleicht haben wir zu viele Erwartungen an das
andere Geschlecht und merken gar nicht, dass unsere Bedürfnisse ganz
einfach unterschiedlich sind.
Ich
bin ratlos und frustriert. Warum versteht mich denn keiner?!
Maggie,
eine meiner Freundinnen hat mich heute zum Essen eingeladen. Ich
freue mich schon sehr darauf. Vielleicht endlich jemand der mich
versteht und mir einen Rat geben kann. Wie kann Frau sich nur so
täuschen...
Ich
berichte Maggie also von meinen Problemen und Schwierigkeiten.
Niemand scheint mich zu verstehen – niemand liebt mich! Ich bin den
Tränen nahe.
Verständnisvoll
schaut mich Maggie an und legt liebevoll den Arm um mich. Wir trinken
beide noch einen Schluck Rotwein – obwohl mein Blutdruck danach
wahrscheinlich wieder ins Unermesslich steigen wird. Aber egal!
„Es
ist halt heute nicht so leicht. Schau mich mal an. Ich lebe ohne
Mann, ohne feste Verpflichtung, habe einen guten Job. Was will ich
denn noch mehr. Ich gehe drei Mal im Jahr in die Ferien und alles ist
gut“.
Häh
–
was
war das denn! Was soll ich jetzt mit dieser Erkenntnis wohl anfangen.
Aber es wird noch besser.
„Du
siehst die eigentlichen Probleme der Welt nicht. Ich mache Pilates,
gehe ins Yoga und zweimal die Woche besuche ich meine Hellseherin.
Sie legt mir Tarot Karten und gibt mir homöopathische Unterstützung.
Daneben beschäftige ich mich mit meinen Engeln und mir geht es
einfach blendend“! Mit einem ausserirdischen Lächeln sah mich
Maggie an. Was sollte ich nur davon halten? War ich denn wirklich so
weltfremd?
„Sei
nicht so egoistisch“ - fuhr Maggie fort.
Egoistisch!
Aber ich bin doch nicht egoistisch. Ich suche doch nur einen Rat bei
einer Freundin.
Ich
liess mich noch überreden ein Engelbuch mit nach Hause zu nehmen.
Ich stellte es sofort in mein Regal mit der Gewissheit, dass ich es
sowieso nicht lesen würde.
Traumlos
schlafe ich heute Nacht ein. Morgens krieche ich gerädert aus dem
Bett und bin ziemlich froh, dass ich mich heute Nachmittag mit Ralf
zum Walken verabredet habe. Ralf ist ein ziemlich dufter Typ. Gross,
breitschultrig und sehr attraktiv. Platonisch gesehen natürlich. Ich
freue mich darauf, denn Ralf ist ein bodenständiger Typ.
Ralf
ist ein sportlicher Typ. Walken mit ihm war jedesmal auch ein
Plädoyer an ein gesundes Leben. Vielleicht hatte er ja einen guten
Rat für mich auf Lager. Wie Frau sich nur so täuschen kann… Mehr
davon, jetzt gleich!
„Ach
Clärchen, (nur Ralf darf mich so nennen) wie siehst Du denn aus.
Schon lange keinen Sport mehr gemacht“? Nette Begrüssung, dachte
ich. Ein gequältes Lächeln konnte ich mir noch abringen, und schon
gings los.
„Nimms
nicht so schwer Clärchen“. Er lachte mich mit seinem schönsten
Pepsodent Lächeln an. Walken mit Ralf hatte ich mir irgendwie
einfacher vorgestellt. Er legte ein Tempo an den Tag, dass ich schon
bald ausser Atem war. Ich atmete ziemlich tief und mein Herz raste.
Doch Ralf schien das nicht zu bemerken. Fröhlich erzählte er mir
von seinem Beruf – er ist Managementtrainer für die oberen Etagen.
Er muss seinen Beruf wirklich sehr lieben, dachte ich. So wie er von
seinen Kursen schwärmte. „Neu biete ich jetzt auch Mentaltraining,
Autogenes Training, Sport Coaching und Ernährung an“.
Ziemlich
beeindruckend und genauso lukrativ dachte ich. „Und wie läuft es
bei Dir“? Wollte er plötzlich wissen. „Ach, weißt Du, ich habe
im Moment eine kleine Kr“…
Nichts
da mit meiner Krise. Ralf hat schon Antworten parat, bevor ich
überhaupt etwas erzählen kann.
„Am
wirkungsvollsten ist laut Greenpeace der Entscheid weniger Fleisch zu
verzehren“.
Häh!
Habe
ich irgendetwas verpasst, oder erzählt er mir jetzt etwas von
Greenpeace. Was hat wohl meine Krise mit Greenpeace zu tun. Ich werde
es erfahren.
„Das
ist doch die heutige Krise“, fuhr Ralf fort. Die Herstellung von
einem Kilo Rindfleisch ist laut dem Magazin „New Scientist“ so
klimaschädlich wie eine Autofahrt von 250 Kilometern.
Was
hat wohl Rindfleisch mit meiner Krise zu tun.
„Klimawandel
Clärchen – verstehst Du“! Ich nicke Ihm zu und hoffe auf
Erlösung.
Wenn
der von meinem Klimawandel wüsste.
Ich
lächle und Ralf fährt unbeirrt fort.
„Es
berücksichtigt unter anderem die Futterproduktion und das
klimaschädliche Methangas, das Rinder bei der Verdauung ausstossen“.
Ausgestossenes
Methangas – Rinder.
Heute
verzichte ich wohl auf mein Rinderfilet mit Pfeffersauce.
Aber
es geht noch weiter – keine Angst.
Ralf
hat gelesen, dass auch die Fetten Menschen schuld an der
Klima-Katastrophe sind. Als er das so sagte, spürte ich einen etwas
verächtlichen Blick von Ihm.
Weil
die Fetten so viel essen, steigt die Nahrungsproduktion und damit der
Ausstoss an Kohlendioxid.
„Verstehst
Du Clärchen was das bedeutet“?
Ich
starrte Ihn an und wusste nicht, was er von mir wollte. Fette
Menschen fahren Auto – statt sich aktiv zu bewegen. Somit wird die
Erderwärmung zusätzlich angeheizt.“
Häh…
„Jeder
Dicke ist für den zusätzlichen Ausstoss einer weiteren Tonne
klimaschädlicher Gase verantwortlich verglichen mit einem dünnen
Menschen. Deshalb ist Sport ja so gesund“?
“Du solltest
Dich unbedingt gesünder ernähren und mehr Sport machen, Clärchen.
Es ist nur zu Deinem Besten“. Mit erhobenem Zeigefinger macht er
mich nochmals auf die Erderwärmung aufmerksam. „Denk an die
Eisbären Clärchen – denk an die Eisbären“.
„Du
willst doch nicht schuld sein, oder“? Vorwurfsvoll sah er mich an.
Der
meint das tatsächlich ernst! Ich nicke und bin ehrlich gesagt froh,
dass wir ohne weitere Konversation weiter walken.
Schmelzende
Polkappen, Versteppung und aussterbende Tiere – weil Dicke sich die
Bäuche voll schlagen?
Was
für ein Blödsinn, denke ich.
Ralf
hat es gerade mal zwei Minuten ohne Quatschen ausgehalten. Dann
schlägt Mister Treibhaus-Methan wieder zu.
Ich
kann fast nicht glauben, dass Ralf das glaubt, was er mir dann
erzählt. (Vielleicht isst er zuviel Grünzeugs)
„Wenn
es nach dem Willen der WWF geht, sollen landwirtschaftliche Abgase in
Deutschland künftig besteuert werden. Laut einer Studie produziert
z.B. eine Kuh etwa genauso viele Abgase wie ein Kleinwagen, der im
Jahr 18.00 Kilometer zurücklegt“.
„Damit
sind Kühe mitverantwortlich an den Treibhausgas-Emissionen.“
Häh..
Was
soll ich denn von dem halten? Innerlich zucke ich mit den Schultern
und habe bereits eine Lösung parat.
Also
liebe Politiker – ich fordere ab sofort eine Abgassteuer für Kühe,
Schafe, Schweine, Ziegen, Pferde, Esel, Kamele, Elef... und dicke
Menschen!! Und alle anderen Schuldigen, die ich hier noch vergessen
habe.
Ralf
war mir ja eine schöne Hilfe.
Schlimmer
kann es ja nicht werden –
aber
eigentlich suchte ich eine Schulter, wo ich mich ausweinen kann.
Jemand der mir zuhört, jemand der Verständnis für meine
Wechseljahrbeschwerden hat –
Und
eigentlich wollte ICH ja eine Lösung für MEINE Probleme.
Stattdessen fühlte ich mich schuldig. Schuldig wegen der
Erderwärmung, Schuldig, dass ich nicht so dünn bin, schuldig, dass
ich keinen Yoga oder Pilates Kurs besuche, schuldig, dass ich keinen
persönlichen Heilpraktiker habe, schuldig, dass ich nicht meditiere,
schuldig, dass ich keine Engelbücher mag, schuldig, schuldig,
schuldig… in allen Punkten.
Was
ist bloss los mit mir?
Da
kam mir Maria gerade recht. Maria ist eine ganz alte Freundin von
mir. Wir haben schon im Sandkasten miteinander gespielt. Wir hatten
uns in den letztenJahren zwar ein wenig aus den Augen verloren, aber
der Kontakt ist nie ganz abgerissen.
Maria
war meine Rettung. Sie freute sich sehr über meinen Anruf und mir
verabredeten uns gleich für den nächsten Tag. „Gehen wir doch in
das kleine Café an der Ecke. Bei Paolo“, schlug Sie vor.
Nur
zu gerne. Ich freute mich jetzt schon auf den guten Italienischen
Kaffee und das reichhaltige Buffett.
„Clara,
wie ich mich freue Dich zu sehen. Es ist ja eine Ewigkeit her“.
Diese
erfrischende Art tut mir wirklich gut. Nach all den Reinfällen in
den letzten Tagen, war ich richtig froh einen „normalen“ Menschen
zu treffen.
Maria
sah wirklich toll aus. Schlank, schöne Haare, (fast kein graues Haar
– wie ungerecht) ein Lächeln auf dem Gesicht. Sie hatte sich gar
nicht verändert. Immer noch sprudelte Sie wie ein Wasserfall und die
Männer drehten sich nach Ihr um. Ein wenig eifersüchtig betrachtete
ich Sie von oben nach unten. Ich musste schleunigst etwas gegen mein
Übergwicht tun, und zum Friseur wollte ich auch schon längst.
Vielleicht sollte ich mir die Haare färben lassen.
Makellose
Haut, dachte ich.
„Wie
geht es Dir denn Clara. Du klangst so betrübt am Telefon“. „Ach
weißt Du Maria, ehrlich gesagt geht es mir im Moment gar nicht so
gut. Ich komme einfach nicht zurecht mit den Wechsel..“
„Da
habe ich einen Tipp für Dich Clara“. Sie kramte in Ihrer Tasche
und nahm ein paar Bilder hervor.
„Hier,
schau mal“. Sie hielt mir Fotos unter die Nase, auf dem ein dutzend
Frauen zu sehen waren. Alle waren in gelben Gewänder gehüllt und,
am Strand und hatten Staffeleien vor sich.
„Das
befreit ungeheim. Du kannst es mir glauben. Dieser Malkurs in der
Toskana – es hat mein ganzes Leben verändert. Erst jetzt weiss ich
, was Leben wirklich ist. Ich lasse mich nicht mehr einsperren. Ich
tue was mir gefällt. Ich lasse mir keine Befehle mehr geben“.
Ihr
Ton wurde nun rauer und bestimmter. „Mein ganzes Leben lang habe
ich nur getan, was die anderen wollten. Jetzt bin ich endlich
befreit“. Sie atmete tief durch und sah mich mit durchdringenden
Augen an.
„Dir
fehlt etwas Clara“.
Tja,
das wusste ich inzwischen auch schon, aber wenn ich nur wüsste
was!?!?
„Hier
schau mal, dass sind Fotos vom letzten Jahr. Da war ich auch in der
Toskana – im Töpferkurs“. Und wer ist wohl dieser nette, junge
Mann neben Ihr. Sie schaut Ihn ja ganz verliebt an.
„Das
ist übrigens Giorgio“. Giorgio? Wer zur Hölle war Giorgo? Ich
dachte Ihr Mann heisst Karl Friedrich, der Manager.
„Karl
Friedrich hat eh nie verstanden um was es geht im Leben“. Aber
Giorgio wusste es.
Aber
natürlich –
Maria
hat Karl Friedrich abgezogen wie eine Weihnachtsgans. Er konnte es
sich ja leisten. Hat immer gut verdient der Mann. Und Maria lebte
nach wie vor von seinem Geld – (und Giorgio)
Der
Typ ist mindestens 20 Jahre jünger. Gut sah er aus, aber
wahrscheinlich war das auch alles.
„Ich
gratuliere Dir Maria – dann hast Du es ja geschafft.“ Warum habe
ich das nur gesagt? Ein Reflex vielleicht – keine Ahnung. Upps
„Das
kannst Du auch liebe Clara. Du musst nur den richtigen Weg gehen“.
Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht und genoss Ihren Triumph –
und Ihren jungen Lover.
„Nächstes
Jahr machen wir Urlaub in Südfrankreich. Dort gibt es genügend
Motive die ich malen kann.“ Das glaube ich auch – dachte ich.
„Tut
mir leid Clara, aber ich muss gehen – Du weißt Männer warten
nicht gerne“.
„Schon
gut Maria – versteh ich“. Küsschen rechts, Küsschen links und
schon war meine Jugendfreundin verschwunden.
Die
ganze Welt schien sich gegen mich verschworen zu haben. Niemand, aber
wirklich niemand schien mich ernst zu nehmen, geschweige denn zu
verstehen.
Ich
war verzweifelt. Zu Hause nahm ich eine Flasche Rotwein und betrank
mich. Blutdruck hin oder her. Die Pralinenschachtel war im Nu leer
und ich merkte wie mir übel wurde. Nicht mal mehr trinken kann ich.
Was kann ich denn überhaupt noch. Tränen schossen mir in die Augen
und am liebsten hätte ich mich verkrochen und wäre nicht mehr
aufgetaucht.
Hans
Werner mein Mischlingsrüde schaute mich mit mitleidigen Augen an.
„Du hast es gut, Du wirst gestreichelt, gefüttert und geliebt. Du
hast doch keine Ahnung von meinen Problemen“. Aber vielleicht war
Hans Werner der einzige der mich wirklich verstand.
Sind
die Wechseljahre wirklich so grausam, oder habe ich vielleicht
überreagiert? Ich bin dünnhäutig geworden, sagen meine Freunde.
Unausstehlich und zornig sei ich. „Mit Dir kann man nicht mehr
reden“! Zack, das hatte gesessen. Lara hatte einfach den
Telefonhörer aufgelegt!
Doch,
auch ich habe es nicht einfach mit mir. Ich bin wie durch den Wind,
kann mich nicht mehr konzentrieren, bin antriebslos und überhaupt.
Am liebsten würde ich einfach alles hinschmeissen. Zu Tode betrübt
liege ich auf dem Sofa und stopfe schon wieder Pralinen in mich
hinein.
Wie
ungesund würden meine „esoterischen“ Freunde jetzt sagen. „Du
musst nach draussen gehen, Dich bewegen“, sagen die anderen. Aber
ich habe doch schon alles ausprobiert!! Nichts hat geholfen.
Ich
bin am Ende!! Am Ende mit meinen Nerven. Am besten ich verkrieche
mich und komme erst dann wieder hervor, wenn die Wechseljahre vorüber
sind.
Aber
halt, Stopp!! Die Wechseljahre können ja dauern, und dauern, und
dauern…
Heute
gönne ich mir mal einen Grüntee – soll ja sehr gesund sein. Ich
nippe nur daran und schaue aus dem Fenster. Gruselig. Kalt, neblig –
einfach eklig dieses Wetter. Da kann ja keine Freude aufkommen.
Ich
schaue den Vögeln zu und fühle mich immer noch wie von einem
dunklen Schleier umgeben. Tief durchatmen und ignorieren – Wenn das
nur so einfach wäre…
Ich
fühle mich heute nicht gut. Ist mein Blutdruck zu hoch? – nein
Herzrasen habe ich keines – aber schwindlig ist mir. Ich schreie
innerlich auf – Wann hört das endlich auf!!
Wenn
ich gewusst hätte, dass meine morgendliche Zeitungslektüre mich
noch mehr in Wallung bringen würde, hätte ich es gelassen.
Was
lese ich da auf Seite Eins einer grossen Schweizer Tageszeitung:
„Der
Prämienfeldzug gegen Ungesunde geht weiter.“
Was
lese ich da jetzt genau?
Aha
– Raucher, Diabetiker, Alkis, Drogensüchtige sollen mehr
Krankenkasse Prämie bezahlen?
Aha
-
Die
Dicken von denen einige ja auch Diabetiker sind – abgesehen von all
den anderen Diabetikern – sind also nicht nur am Klimawandel
mitschuldig, sondern sollen jetzt auch noch mehr berappen!!
Und
die Raucher sind sowieso so ziemlich an allem schuld. Und wehe wenn
der Raucher auch noch einen Geländewagen fährt. Na, na, na – dann
sieht der aber so was von alt aus…
Ich
muss sofort meinen Body-Mass-Index überprüfen...
Also
- Gesunde werden belohnt und Kranke, die sich strikt an ihre Therapie
halten.
Wer
zu dick ist und einen BMI von über 25 hat muss blechen – Wer sagt
denn, dass die Dicken wirklich ungesünder leben als die Dürren?
Wer
Raucht muss blechen. Wie soll mein Arzt denn wirklich beweisen, dass
ich kein Raucher (mehr) bin – Alles was Spass macht –
Spielverderber.
Wer
trockener Alkoholiker bleibt der profitiert. Wie dieser Test dann
wohl aussieht?
Wenn
Psychisch Kranke die verschriebenen Medikamente einnehmen, dann
erhalten sie einen Bonus. Hier soll ein Bluttest aufschluss geben.
Und
nun zu den Diabetikern. Bei ihnen gibt der Blutzuckerspiegel
aufschluss. Wer sich an die Vorgaben des Arztes hält, wird belohnt.
Also fertig mit Schokolade, Plätzchen, Pudding und Co. Auch nicht
mehr zwischendurch, sonst könnte man den Bonus ja verlieren...
Ich
habe Schweissperlen auf meiner Stirn. Mein Herz rast und mein Kopf
brummt.
Wer
backt denn Kuchen und macht Schokolade? Wer verkauft denn Alkohol und
macht Werbung dafür? Wer ist denn dafür verantwortlich, dass wir
psychisch krank werden. Und weil wir krank sind, werden uns
Medikamente verschrieben. Vielleicht zu viele – zu viele die uns
nicht guttun.
Nebenwirkungen
nicht ausgeschlossen.
Ich
sehe es schon vor mir: Raucherin hat psychische Probleme – wird zur
Alkoholikerin – die verschriebenen Medikamente rufen eine
Medikamentensucht hervor – die Entziehungskur löst Adipositas
permagna (Fettsucht, Fettleibigkeit) aus.
Oh
mein Gott – das kann doch alles gar nicht wahr sein.
Was
Wechseljahre so alles auslösen können...
Ich
drehe mich im Kreis – die Erde bebt und mir wird ganz schwindlig.
Ich
versuche ganz ruhig zu bleiben. Tief durchatmen, Augen zu und durch.
Ich
blättere die Zeitung endlich um. Es wird mal wieder Zeit, dass mich
positive Nachrichten überraschen. Doch ich werde leider enttäuscht!
Am besten ich lese überhaupt keine Zeitungen mehr – die Glotze
sollte ich auch verbannen – und mich auf eine einsame Insel
zurückziehen.
Ich
schaue aus dem Fenster. Die Welt ist so beschleunigt – oder bilde
ich mir das nur ein? Nein, wir leben in einer enorm gestressten Welt.
Alles muss schnell schnell gehen. Niemand hat Zeit – nicht mal für
sich selbst.
Wie
wäre es wohl, in einer entschleunigten Welt zu leben?
Ich
habe manchmal das Gefühl, dass ich mir selbst entgleite. War ich
früher doch sorglos, überirdisch belastbar, und heute? Die Grenzen
haben sich verschoben. Ich mache mir viel mehr Gedanken als früher.
Gedanken über die Welt, über mich selbst und überhaupt.
Und
die Belastbarkeit im Beruf? Die ist für meinen Begriff unterirdisch.
Da helfen nicht mal mehr die Zettelchen die ich mir schreibe. Denn
ich wende viel zu viel Zeit damit auf die Zettelchen wieder zu
finden.
Dabei
macht mir mein Beruf ja Spass? Aber halt… Macht er mir wirklich
noch Spass, oder möchte ich einfach, dass er mir noch immer Spass
macht?
Sollte
ich einfach eine Auszeit nehmen?
Fragen
über Fragen – und immer noch keine Antworten.
Aber
vielleicht muss ich gar keine Antworten erhalten. Warum lasse ich
mich überhaupt von diesen Gefühlen übermannen? Warum kann ich
diese Gefühle nicht einfach zulassen und es als natürlichen Vorgang
betrachten?
Warum
lasse ich mich von allen und allen manipulieren und mir einreden das
Wechseljahre so etwas wie eine Krankheit ist.
Jeder
und Jede hatte ja so gute Ratschläge und Tipps für mich – aber
nichts hat geholfen.
Muss
ich meinen eigenen Weg finden?
Vielleicht
muss ich diesen Übergang in die zweite Lebenshälfte ja einfach nur
zulassen und mich darüber freuen.
Ja,
ich glaube das ist es. Ich muss mich darüber freuen und es annehmen
wie einen guten Freund. Einen guten Freund, der mich auf diesem Weg
begleitet.
Ich
atme tief durch und sehe wie die Sonne langsam Ihre Kraft entfaltet.
Ich
glaube es gibt für die Wechseljahre keine eigentlichen Symptome,
Regeln, Ratschläge oder Gegenmassnahmen. Jede Frau erlebt diese Zeit
anders. Die einen halt ein wenig intensiver als die anderen.
Wir
lassen uns verrückt machen und rennen von einer Gegenmassnahme in
die andere. Wir nehmen Hormontabletten, Kräuter, Pillen, machen Yoga
oder Pilates. Aber schlussendlich sind die Wechseljahre ein ganz
natürliches Phänomen, dass wir lächelnd annehmen sollten.
Die
Wechseljahre sind für mich heute so etwas wie die zweite Pubertät.
Es verändert sich etwas in meinem Körper und in meiner Seele, aber
ich bin immer noch dieselbe.
Mit
dem einzigen Unterschied, dass ich heute entschleunigter in einer
beschleunigten Welt leben darf.
Und
das ist nicht tragisch, sondern sogar sehr angenehm.
Ich
habe meinen Beruf aufgegeben und lebe heute so entspannt wie schon
lange nicht mehr in den letzten Jahren.
Das
heisst jetzt aber nicht, dass ich gar nichts mehr mache. Sondern ich
mache heute viel mehr Dinge die mir Spass machen.
Früher
war mir Karriere, Anerkennung und Geld wichtig.
Heute
ist mir wichtig, dass ich jeden Moment des Lebens geniessen kann. Mit
klarem Kopf und Geist.
Die
Wechseljahre halfen mir dabei, zu erkennen was wichtig ist.
Ich
wünsche Dir liebe Leserin das selbe Glück. Macht euch nicht
Verrückt wegen den Wechseljahren.
Hört
auf euren Bauch und vergesst all die tollen Ratschläge. Entscheidet
euch für euren eigenen Weg. Ihr müsst nur ein wenig Zeit damit
verbringen auf euch selbst zu hören.
Die
Antworten werdet Ihr automatisch erhalten.
In
diesem Sinne – viel Spass bei den Wechseljahren.