Ich wache auf, es ist kein plötzliches Erwachen, eher ein langsames aus-dem-Nebel-treten.
Ein erstes Umdrehen, dabei lässt der schiere Schwung der Bewegung,
in Zusammenarbeit mit den zahlreichen Bieren, mein gesamtes Blickfeld
einen Salto vollführen.
Immerhin liege ich in meinem Bett, meinem eigenen bequemen Bett. Da
lässt es sich gut über die eigene Zerstörtheit stöhnen und jammern, am
besten in der Embryohaltung.
Noch wage ich es nicht, über die Begrenzung meines Hochbettes in die
Untiefen meines kleinen, bescheidenen Räumleins zu blicken, und ich
beschließe, das auch nicht vor 13 Uhr 30 zu tun, was laut meinem Wecker
in 28 Minuten eintreten wird.
Da beginnt mein Mobiltelefon, mit den krassen BigBeat-Klängen von
The Prodigy zu läuten. Assoziationswütig wie mein pochender Kopf nunmal
ist, denke ich: Prodigy, Wunderkind…ja, so hab ich mich gestern Abend
auch gefühlt. Erste Erinnerungsfetzen also, gut.
Zum zweiten und auch zu einem dritten Mal wird mir „The writings on the wall, they won’t go away“ entgegengerufen, was bei mir ankommt ist aber eher so etwas wie: „Hangover in your head, it won’t go away“.
Ich rege mich also erstmal nicht, ist auch viel zu gemütlich so.
Gemütlicher könnte es eigentlich nur noch in einer Badewanne voller
leckerer Getränke sein.
Getränke! Das ruft wieder etwas hervor. Wie kurze Blitze habe ich
vor meinem Auge Tiere mit Geweih, irgendetwas pflaumiges sowie San
Francisco’sche Qualitätsprodukte. War also wieder durcheinander, was
meinen Schädel erklärt.
Ein leichter Lufthauch umschmeichelt meine Nase, die aus meinem
Unterschlupf aus Decke und Kissen hervorragt. Ein Lufthauch ist in
einem eigentlich geschlossenen Zimmer eigentlich etwas ungewöhnliches,
also drehe ich mich einmal um die eigene Achse (inklusive kurzer gratis
Karusselfahrt) und blicke in Richtung Fenster. Tatsächlich offen.
Bin ich etwa heimgeflogen und durch’s Fenster rein? Durch die Lüfte
geirrt auf der Suche nach dem Heimweg? Möglich. Unwahrscheinlich, aber
nicht unmöglich, gerade angesichts der Tatsache, dass es zu dieser
mittaglichen Uhrzeit dunkel ist da draußen.
Dunkel heißt in diesem Fall ein rätselhafter Grauschleier, der in
der Luft liegt. Keine fünfzig Meter weit kann man sehen, es ist als
blickte man durch einen Vorhang von Rauch. Rauch, der nächste Auslöser.
Rauch, Zigarre, die in mein Gesicht gepustet wird. Ich erinnere mich.
Durch dieses mysteriöse Bild neugierig geworden, wickele ich mich
doch mal aus meinem Nest und robbe in Richtung Leiter. Ein kurzer Blick
nach unten…
…und wieder Erstaunen. Ein Morgen voller Überraschungen. Dafür dass
ich durch das Fenster hereingekommen war, war der Boden meines Zimmers
in einem katastrophalen Zustand. Spuren eines Streits waren zu sehen,
Klamotten überall. Eher ein stiller Streit, keine Zerstörung (wie sie
eher in meinem Kopf zu finden war), aber Unordnung. Beunruhigende
Unordnung, ich mag doch eigentlich zwischenmenschlich und zimmermäßig
geordnete, klare Verhältnisse.
Ich steige also die seltsam lange Leiter herunter in Richtung
Erdboden. Waren das nicht mal nur 8 Stufen? Als ich bei 42 angekommen
bin, komme ich endlich an. Slalom durch die Trümmer, ein besorgter
Blick aus dem gähnenden offenen, Fenster.
Ich öffne meine Tür, alles leer. Um diese Zeit sollten eigentlich
entweder der Fernseher laufen, oder aber zumindest PC-Geräusche aus dem
Zimmer meines Bruders nebenan zu hören sein. Stattdessen pfeift der
Wind durch die Gänge, fehlt nur noch der Strohballen aus den
Italowestern.
Stille also, und grauer Nebel der sich immer weiter vorschiebt.
Plötzlich aber gestört durch ein letztes „Omen“ von Prodigy. Mir wird
es zu bunt, ich nehme mein Handy und werfe es gegen die Wand. Da liegen
die Einzelteile, verteilt zwischen den Streitspuren in meinem Zimmer.
Und dann beginnt es wieder, der Klingeltön tönt von Neuem…
Ich wache auf, es ist ein plötzliches Erwachen, kein so langsames ausdämmern.
Grund meines Erwachens ist mein Handy. Mein SMS-Sound, entnommen aus einem Prodigy-Song lässt mich aufschrecken. Es ist 11 Uhr 31, und ich hab einen richtig dicken Schädel.